Linda Dorner im Interview: Baulandmobilisierung zur Bewältigung zusätzlicher Flächeninanspruchnahme Eine Analyse baulandmobilisierender Abgaben in Österreich
Linda Dorner hat in ihrer Masterarbeit erforscht, inwiefern baulandmobilisierende Abgaben zur Aktivierung von Baulandreserven und zum Bodensparen beitragen. Im Interview berichtet die BMLUK-Stipendiatin über die Motivation, Methodik und Ergebnisse ihrer Untersuchung.
Baulandmobilisierende Abgaben und deren Wirkung für die planerische Praxis wurden bisher nur gering wissenschaftlich und rechtlich beleuchtet. Was hat Sie dazu motiviert, sich mit dem Thema Baulandmobilisierung und flächeneffizienter Siedlungsentwicklung auseinanderzusetzen?
In meiner Masterarbeit wollte ich untersuchen, wie sich die weitere Flächeninanspruchnahme im ländlichen Raum reduzieren lässt. Gerade im ländlichen Raum sieht man ausgedehnte Siedlungen, während innerhalb bestehender Strukturen Leerstände und unbebaute Grundstücke vorhanden sind. Dieses Spannungsfeld – vorhandenes Bauland und neue Flächeninanspruchnahme – fand ich interessant.
Genau hier setzt Baulandmobilisierung an: Sie soll ungenutzte Baulandreserven aktivieren. So kann der Druck, neues Bauland am Ortsrand auszuweisen, sinken. Die Einführung der Baulandmobilisierungsabgabe im Burgenland, meinem Heimatbundesland, hat mein Interesse zusätzlich geweckt.
Die baulandmobilisierenden Abgaben gibt es derzeit in Salzburg, Oberösterreich, der Steiermark und dem Burgenland. Welche Unterschiede in der rechtlichen Ausgestaltung dieser Instrumente sind Ihnen bei Ihrer Analyse besonders aufgefallen?
Die vier Bundesländer verfolgen mit der Aktivierung von Baulandreserven zwar ein gemeinsames Ziel, unterscheiden sich aber deutlich in Ausgestaltung, Steuerungslogik und Eingriffstiefe. Ein wesentlicher Unterschied liegt im Zeitpunkt der Einführung. Während es die Abgabe in Oberösterreich schon seit rund 30 Jahren gibt, wurde sie in den anderen Bundesländern erst in den letzten Jahren eingeführt.
Auch die Zuständigkeiten variieren: Im Burgenland ist die Abgabe zwischen Land und Gemeinden geteilt, in den übrigen Ländern als reine Gemeindeabgabe ausgestaltet. Unterschiede bestehen zudem darin, wie stark die Abgabe mit anderen Instrumenten der Baulandmobilisierung verknüpft ist. Abweichungen zeigen sich außerdem bei der Definition von unbebautem Bauland und der Bemessungsgrundlage. Diese ist meist flächenbezogen und an Bodenwerte gekoppelt, teilweise wird aber auch mit einheitlichen Sätzen gearbeitet. Besonders entscheidend sind die Ausnahmen. Während einige Bundesländer hier restriktiv sind, kennen andere großzügigere Regelungen, etwa bei Eigenbedarf oder betrieblichen Erweiterungen.
Für Ihre Masterarbeit haben Sie Expert:inneninterviews mit Vertreter:innen der Landesverwaltungen und Gemeinden geführt – welche Erkenntnisse daraus haben Sie besonders überrascht?
Überrascht hat mich, dass die Abgabe oft weniger über die finanzielle Belastung, sondern stärker über einen psychologischen Impuls wirkt. Viele Eigentümer:innen setzen sich aufgrund der Abgabe erstmals aktiv mit ihren Grundstücken auseinander. Dieses „Bewusstwerden“ wurde in vielen Gesprächen betont. Spannend war außerdem die Beobachtung, wie die Abgabe in unterschiedlichen regionalen Kontexten wirkt. In manchen Gemeinden kommt es zu Bewegung bei Baulandreserven, in anderen bleibt der Einfluss begrenzt.
Was sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Masterarbeit in Bezug auf das Potenzial baulandmobilisierender Abgaben für eine flächeneffiziente Siedlungsentwicklung im ländlichen Raum? Wie schätzen Sie die Entwicklung langfristig ein?
Ein zentrales Ergebnis ist, dass die Abgabe das Thema der Baulandmobilisierung stärker ins Bewusstsein rückt. Derzeit zeigen sich vor allem punktuelle Effekte, etwa einzelne Bebauungen, Verkäufe, Rückwidmungsanträge oder andere Mobilisierungsmaßnahmen. Flächendeckende Auswirkungen auf die Siedlungsentwicklung und die weitere Flächeninanspruchnahme sind bisher noch nicht klar erkennbar. Das liegt auch daran, dass es sich um ein relativ junges Instrument handelt und seine Wirkung zeitverzögert eintritt, da finanzielle Belastungen der Nicht-Bebauung oft erst über mehrere Jahre hinweg spürbar werden.
Langfristig liegt das größte Potenzial in der Kombination mit anderen Instrumenten der Innenentwicklung. Als alleinige Maßnahme ist die Steuerungswirkung begrenzt, im Zusammenspiel kann sie aber einen wichtigen Beitrag zur Mobilisierung von Baulandreserven leisten.
Gab es während der Erstellung der Masterarbeit einen Moment, der für Sie besonders prägend oder motivierend war?
Besonders eindrücklich waren die Einblicke in die Verwaltungspraxis. Dabei zeigte sich die große Komplexität im Umgang mit Baulandreserven – und zugleich, wie sehr die Abgabe Bewegung in die Sache bringen kann. Gefreut hat mich, dass in manchen Gemeinden durch die Abgabe wieder Bauplätze verfügbar wurden, oft für junge Familien oder Paare, die sonst vielleicht abgewandert wären. Das verdeutlicht, welche Wirkung Baulandmobilisierung ganz konkret vor Ort entfalten kann und wie sie über ein theoretisches Konzept hinausgeht. Besonders motivierend ist die derzeit wachsende Bedeutung des Themas. Umso mehr freut es mich, dass ich mit meiner Arbeit einen Beitrag zum aktuellen Diskurs leisten kann und auch eine wissenschaftliche Publikation daraus entstehen wird.
Wir gratulieren Linda Dorner zur vollendeten Masterarbeit und wünschen ihr für ihren weiteren Weg alles Gute!
Hinweis
Das BMLUK-Stipendium wurde vom Geschäftsfeld Lebensraum Regionen als Beitrag zur Umsetzung der Strategie „Meine Region-Unser Weg“ in Kooperation mit der Jungen Österreichischen Geographischen Gesellschaft (JÖGG) vergeben.