Wasser Vorsorge wird wichtiger: Schneedecken in Österreich laut neuer Studie stark rückläufig

Zwischen 70 und 80 Prozent der Gletschermasse geht bis 2050 verloren

Die Schneedecken in Österreich nehmen im Mittel stark ab, sowohl in ihrer Mächtigkeit als auch in ihrer Dauer. Zugleich ist bis zur Jahrhundertmitte ein massiver Rückgang von Österreichs Gletschermasse zu erwarten. Beide Entwicklungen haben spürbare Auswirkungen auf den Wasserhaushalt und erfordern Vorsorgemaßnahmen. Zu diesem vorläufigen Zwischenergebnis kommt das interdisziplinäre Forschungsprojekt des Umweltministeriums „Wasser im Klimawandel – eine Studie über die Auswirkungen“. An dem Projekt arbeiten Forschungsteams der TU Wien, der GeoSphere Austria, der Universität Graz und der BOKU Wien zusammen.

Umweltminister Norbert Totschnig: „Die sichtbaren Veränderungen bei Gletschern und Schnee werden sich den Ergebnissen zufolge fortsetzen. Die Studie hilft uns zu verstehen, welche Folgen das für unseren Wasserhaushalt hat und wo wir gezielt sinnvolle Maßnahmen setzen können. Das Ziel ist, die Versorgung mit der wertvollen Ressource Wasser langfristig sicher zu stellen.“

Die Untersuchung zeigt einen deutlichen Rückgang beim Schnee: Im Mittel verkürzt sich die Schneedeckendauer in Österreich um etwa einen Tag pro Jahr, die mittlere Schneehöhe verringert sich um rund 1 cm pro Jahr. Im längeren Zeitvergleich wird das besonders sichtbar: Zwischen 1960 und 2020 hat die Schneedeckendauer in tiefen Lagen bereits um rund 60 Prozent abgenommen, die mittlere Schneehöhe um etwa 70 Prozent.

Umweltminister Norbert Totschnig: „Die Folgen des Klimawandels sind vor allem durch das Abschmelzen unserer Gletscher und der Rückgang beim Schnee deutlich bemerkbar. Das bedeutet weiteren Handlungsbedarf, um die Wasserversorgung in Österreich auch für die Zukunft sicherzustellen. Wir setzen wir daher seit vielen Jahren gezielt Maßnahmen, um jeden österreichischen Haushalt auch künftig mit ausreichend Trinkwasser versorgen zu können. Die Studie bestärkt diese Vorsorgestrategie und schafft zusätzliche Planungssicherheit für Wasserwirtschaft, Infrastruktur und Regionen.“

Der Rückgang der Schneedecken wird sich bei steigenden Temperaturen auch künftig weiter fortsetzen. Das zeigt ein Schneemodell, das im Rahmen der Studie entwickelt wurde. Es berechnet die Veränderung der Schneehöhe je nach Entwicklung der Temperaturen und des Niederschlags. Daraus lässt sich ableiten, dass die mittlere Schneehöhe bis zur Jahrhundertmitte in niederen Lagen (0-500 Meter) um etwa die Hälfte im Vergleich zu heute abnimmt. Für mittlere Lagen zwischen 500 und 1.000 Metern verringert sie sich um rund 35 Prozent. Diese Berechnungen bis 2050 basieren auf dem wahrscheinlichen Temperaturanstieg von 1 Grad.

Bis zum Jahr 2100 wiederum wird in ungünstigen Szenarien mit einem Anstieg von 3 Grad gerechnet. Schnee wird in diesem Fall in niederen Lagen eine Ausnahme sein; in mittleren Lagen nimmt die Schneedecke dann um 60 bis 75 Prozent im Vergleich zu heute ab. Erst oberhalb von 2000 bis 2500 Metern sind die Veränderungen deutlich geringer.

„Unsere Modelle zeigen, dass wir uns vor allem in tiefen Lagen zunehmend vom Schnee verabschieden werden müssen, in mittleren Lagen wird der Schnee deutlich zurückgehen“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Schöner vom Institut für Geografie und Raumforschung an der Universität Graz, der für die Studie „Wasser im Klimawandel“ zum Thema Schnee und Eis forscht. „Der Schneerückgang wirkt sich direkt auf den Wasserhaushalt aus: Setzt die Schneeschmelze früher ein, verändert das den saisonalen Rhythmus. Abflussmaxima rücken zeitlich nach vorne; im Sommer steht tendenziell weniger Wasser zur Verfügung.“

Besonders empfindlich ist dabei die Höhenlage um die Nullgradgrenze, wo sich entscheidet, ob Niederschlag als Schnee oder Regen fällt. Diese Grenze verschiebt sich seit den 1980ern alle zehn Jahre 120 bis 140 Meter nach oben.

Rückgang der Gletschermasse

Die Studie bestätigt auch das rasante Abschmelzen der heimischen Gletscher: Bis zum Jahr 2050 werden zwischen 70 und 80 Prozent der Gletschermasse im Vergleich zu 2024 verloren gehen, wobei sich die Spanne zwischen den beiden Berechnungsergebnissen aus den unterschiedlichen möglichen Klimaszenarien ergibt. Auffällig ist, dass sich der Prozess des Abschmelzens bereits in den vergangenen fünf Jahren beschleunigt hat und rascher voranschreitet, als Forschende dies anhand bisheriger Modellierungen angenommen hatten. Wie schnell dieser Rückgang weiter verläuft, hängt vom weiteren globalen Erwärmungspfad ab; vollständig aufhalten lässt er sich nach heutigem Kenntnisstand nicht mehr.

Schöner: „Gletscher haben eine wichtige Speicherfunktion, denn sie halten Wasser zurück und geben es in wärmeren und trockeneren Zeiten ab. Dieser Beitrag nimmt deutlich ab, was insbesondere in hochalpinen Einzugsgebieten Auswirkungen haben wird“.

Für die Messungen, die den Projektionen der Studie zu Schnee und Eis zugrunde liegen, werden Messnetze mit rund 100 Stationen in ganz Österreich genutzt. Für die Zukunftsprojektionen kommen Modelle zum Einsatz, die Temperatur- und Niederschlagsinformationen verknüpfen. Bei den Gletschern wird die Massenbilanz direkt im Gelände erhoben – unter anderem mit Messstangen im Eis.

Planungssicherheit durch Evidenz

Die Zwischenergebnisse fließen in das Forschungsprojekt „Wasser im Klimawandel – eine Studie über die Auswirkungen“ ein, das im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK) unter der Leitung der TU Wien durchgeführt wird. Die klimabedingten Veränderungen bei Schnee und Eis sind bereits die zweite Projektion, die im Rahmen der Studie vorgenommen wurde. Ende Jänner wurden erste Trends zur Verschiebung der Niederschläge in die kalte Jahreszeit veröffentlicht. Beide Projektionen machen deutlich, dass Wasser künftig ungleichmäßiger verfügbar sein wird.

Schon jetzt zeigt sich daher, dass Vorsorge wichtiger wird. Wenn natürliche Speicher wie Schnee und Eis an Bedeutung verlieren, können Anpassungsmaßnahmen regionale Engpässe abfedern: etwa durch eine stärkere Vernetzung der Versorgungssysteme; durch eine angepasste Steuerung von Stauseen, um die Ressource Wasser bestmöglich zu nutzen – beispielsweise für die Energieversorgung; oder durch die Identifikation alternativer Wasserquellen für Infrastruktur im Hochgebirge, die bisher auf Gletscherwasser angewiesen ist.

Hinweis: Die Studie “Wasser im Klimawandel - eine Studie über die Auswirkungen” wird in den kommenden Monaten weitere aktuelle Informationen liefern, etwa zur Verdunstung, zur Grundwasserentwicklung in verschiedenen Regionen, Hoch- und Niederwasserszenarien, sowie Wassertemperaturen. Der Endbericht erscheint Ende 2026 und wird detaillierte Prognosen bis 2100 für Österreich enthalten.

Weiterführende Informationen finden Sie auf wasseraktiv.at/wasser-im-klimawandel