40 Jahre nach Tschernobyl - Veranstaltung für Schüler:innen im BMLUK Die Veranstaltung verband Rückblick und Ausblick und zeigte die Relevanz des Themas für die Zukunft.

Moderatorin mit den Schüler:innen bei der Veranstaltung
Moderatorin Niki Löwenstein mit den Schüler:innen Foto: Niki Löwenstein

Anlässlich des 40. Jahrestags veranstaltete das BMLUK am 29. April 2026 eine Informations- und Gedenkveranstaltung. In zwei Themenblöcken wurde behandelt, was damals passierte, welche Entwicklungen ausgelöst wurden und welche Vorkehrungen es heute gibt. Im Fokus standen historische und gesellschaftliche Aspekte sowie nukleare Sicherheit, Notfallplanung und Radioaktivitätsüberwachung.
 

Insgesamt nahmen rund 140 Personen, darunter 95 Schüler:innen und Lehrkräfte der HTL Mödling, der HTL Spengergasse und des BRG 19 und sowie Stakeholder:innen an der Veranstaltung teil.

Die Veranstaltung richtete sich bewusst vor allem an Jugendliche, da Ereignisse wie die Tschernobyl- und Fukushima-Katastrophe zeigen, dass Unfälle zwar selten sind, aber weitreichende Folgen haben können. Diese Ereignisse prägen die österreichische Nuklear- bzw. Energiepolitik und zugleich die Zukunft der Jugendlichen bis heute.

In interaktiven Formaten konnten die Teilnehmer:innenm mit Expertinnen und Experten sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in den Dialog treten, Fragen stellen und an Stationen selbst aktiv werden.

Die Veranstaltung bot gleichzeitig einen Blick zurück und nach vorne:

Was nehmen wir aus diesem Unfall, der Geschichte geschrieben hat, mit in die Zukunft?

Jürgen Schneider, Leiter der Sektion Umwelt und Klima, eröffnete die Veranstaltung mit persönlichen Erlebnissen als Student zu dieser Zeit. Er erklärte, wie die Katastrophe die Österreichische Nuklearpolitik geprägt hat und erläutert die Eckpunkte der aktuellen österreichischen Nuklearpolitik. Sein Resümee: Kernkraftwerke sind Risikoanlagen und nicht wirtschaftlich. „Weltweit ist kein KKW ohne öffentliche Unterstützung unter Marktbedingungen errichtet worden.“ Außerdem bestehen großen Abhängigkeiten im Energiesektor, die genauso den Nuklearsektor betreffen (Uran ist begrenzt verfügbar und muss importiert werden). Österreich tritt für höchstmögliche Sicherheitsstandards und gegen die Förderung der Kernenergie aus Gemeinschaftsmitteln ein.

Nikolaus Müllner, Leiter des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften der BOKU, erklärte den Unfallhergang der Katastrophe von Tschernobyl: „Ausgelöst wurde die Katastrophe insbesondere durch einen Konstruktionsfehler von RBMK-Reaktoren, der den Operateuren nicht mitgeteilt wurde.“ Kernkraftwerke seien sehr komplexe Maschinen, die keine Fehler verzeihen. Man müsse sich daher überlegen, ob es notwendig ist, diese Technologien zur Energiegewinnung zu nutzen, oder besser welche die Fehler verzeihen, wie die Erneuerbaren. Auch erklärte er auf eine Frage eines Schülers, dass Kernkraftwerke nicht auf militärische Angriffe ausgelegt sind.

Andreas Molin, ehemaliger Leiter der Nuklearkoordination, informierte über die Entwicklungen im Bereich der Nuklearen Sicherheit. Seit der Katastrophe von Tschernobyl, aber auch andere Ereignisse in der jüngeren Vergangenheit, wie die Katastrophe von Fukushima, haben dazu geführt, dass große Anstrengungen zur Verbesserung der nuklearen Sicherheit unternommen wurden, sowohl im Rechtsrahmen, aber auch in den Kernkraftwerken selbst. Er erinnerte an die Stresstests, die nach der Katastrophe von Fukushima durchgeführt wurden, um zu überprüfen ob Kernkraftwerke extremen Naturereignissen wie Erbeben oder Überflutung standhalten können. Wesentliche Fortschritte ortet er im Bereich Transparenz und Partizipation. Sein Appell an das Publikum lautete: sich einmischen und mitreden

Helga Kromp-Kolb, emeritierte Professorin Institut für Meteorologie und Klimatologie der BOKU und bekannte Klimaforscherin zeigte die Verbreitung der radioaktiven Freisetzungen von Tschernobyl und erklärte, wie schwierig es zu der Zeit war, an verschiedene Daten z.B. zu Niederschlagsmengen zu kommen. Österreich verfügte schon damals als eines der wenigen Länder über ein funktionierendes Strahlenfrühwarnsystem. Weiteres verdeutlicht sie in ihrem Vortrag, dass die Kernenergie eine Nischentechnologie sei (Beitrag der Kernenergie zum Strommix unter 10%), sie machte auf die Auswirkungen des Klimawandels auf die Kernkraftwerke selbst aufmerksam, die zu einen Großteil konzipiert wurden, als das Klima ein anderes war. Ein Beitrag der Kernenergie im Kampf gegen den Klimawandel komme zu spät, wenn man an die langen Planungszeiten und Bauzeiten denkt.

Am Foto sieht man die Moderatorin stehend und die Teilnehmer:innen an der Podiumsdiskussion im Sessel sitzend
Podiumsdiskussion
 

In der Podiumsdiskussion schilderten die Teilnehmer:innnen ihre persönlichen Erinnerungen an die Tage nach der Katastrophe von Tschernobyl, die von Unsicherheit und fehlender Information geprägt waren.

Es wurden aber viele weitere hochaktuelle Themen angesprochen:

Das Podium diskiutierte über die große Kluft, die zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Realität im Bezug auf den Kernenergiesektor besteht. Ein kürzlich durchgeführtes Quiz des BMLUK zeigt, dass die Bedeutung der Kernenergie stark überschätzt wird. So wurde beispielsweise der Anteil der Kernenergie am weltweiten Strommix deutlich höher geschätzt als richtig unter 10%. Auch der Hype um Small Modular Reactors (SMR), auf die viele Länder nun ihre Hoffnung setzen und die von der Europäischen Union massiv gefördert werden sollen, wurde diskutiert. Bei SMR gibt es grundsätzlich dieselben Risiken, wie bei großen Kernkraftwerken, sagte Nikolaus Müllner. Oda Becker, unabhängige Wissenschaftlerin im Bereich Sicherheit und Risiken von kerntechnischen Anlagen, betonte, dass vor allem „das viele Geld, das nun in SMR-Konzepte investiert wird, die womöglich gar nicht umgesetzt werden, bei den Investitionen in Erneuerbare fehlen.“ Weltweit gibt es derzeit zwei SMR in Betrieb, vier sind in Bau, ergänzte Andreas Molin. Man war sich darüber einig, dass es keine vollständig sicheren Kernkraftwerke gebe und in keinem Kernkraftwerk der Welt schwere Unfälle ausgeschlossen werden können. Auch kam der enge Zusammenhang zwischen ziviler und militärischer Nutzung der Kernenergie zur Sprache. Journalist und Gründer von „news330“, Michael Lohmeyer, gab dem Publikum und vor allem den Schülerinnen und Schülern mit, „stets alles kritisch zu hinterfragen und zu überprüfen“. Heute sei es vielfach noch schwieriger an verlässliche Informationen zu kommen. Karl Kienzl, der ehemalige stellevertretende Geschäftsführer des Umweltbundesamtes und Obmann von CEOs for future, der 1986 maßgeblich an der Erstellung des Berichts „Tschernobyl und die Folgen für Österreich“ vom Umweltbundesamt beteiligt war, erinnerte sich an die Tage nach der Katastrophe von Tschernobyl als er -sowie alle anderen im Umweltbundesamt - rund um die Uhr mit Messungen von Proben beschäftigt waren.

Im zweiten Themenblock ging es um die radiologische Notfallplanung und -vorsorge sowie die Radioaktivitätsüberwachung Österreichs.

Christina Raith, Abteilungsleiterin des Strahlenschutzes, gab zunächst einen Einblick in die Grundlagen von Radioaktivität und Strahlenschutz. Peter Hofer stellte das radiologische Notfallmanagement in Österreich vor: anhand eines fiktiven Unfallszenarios wurde gezeigt, wie vorgesorgt ist, um schnell und effektiv für den bestmöglichen Schutz Österreichs zu sorgen.

Auf dem Foto sieht man Schüler:innen, die bei einer Station Einblicke in das Thema Strahlenschutz und Messung von Radioaktivität bekommen

 

Schülerinnen und Schüler konnten Einblicke in die Messung von Radioaktivität, die Überwachung der Umwelt und der Lebensmittel auf Radioaktivität, die radiologische Notfallplanung und -vorsorge sowie die komplexen Rechensysteme gewinnen. Mit Geräten zum Angreifen und interaktiven Elementen laden die Stationen dazu ein, den Strahlenschutz aktiv zu entdecken.

Auf dem Foto sieht man wie Schüler:innen die Funktionsweise von Kernkraftwerken erklärt bekommen

 

 

 

 

Außerdem konnten Schülerinnen und Schüler erfahren, wie Kernkraftwerke Strom erzeugen, welche zentralen Fragen der nuklearen Sicherheit damit verbunden sind, welche Anlagen es rund um Österreich gibt und wie sich Technologien wie Small Modular Reactors (SMR) einordnen lassen.

Am Foto sieht man den Sektionschef Jürgen Schneider, die Moderatorin Niki Löwenstein und den Gewinner des Schüler:innen Quiz

 

 

 

 

 

 

Herr Sektionschef Jürgen Schneider, Moderatorin Niki Löwenstein und der Gewinner des Schüler:innen Quiz

 

 

 

 

 

 

Weiterführende Informationen:

40 Jahre nach Tschernobyl