Small Modular Reactors - unter die Lupe genommen

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Totschnig: „Kleine AKW sind keine Antwort auf die aktuellen Klima- und Energiefragen – Erneuerbare Energien weiter ausbauen“

Die Europäische Kommission setzt in ihrer im März 2026 vorgestellten SMR-Strategie verstärkt auf kleine modulare Kernreaktoren (Small Modular Reactors, SMR) und sieht diese als wichtigen Bestandteil der europäischen Energie- und Klimapolitik. Demnach soll die Entwicklung von SMR beschleunigt, eine europäische Nuklearindustrie aufgebaut und diese auch mit Gemeinschaftsmitteln unterstützt werden.

Österreich lehnt diese Pläne klar ab – insbesondere die Verwendung von EU-Gemeinschaftsmitteln für die Entwicklung und Förderung von SMR.

Das BMLUK hat daher das Umweltbundesamt mit einer Studie zu den „Rahmenbedingungen für kleine modulare Reaktoren in den Euratom-Mitgliedstaaten“ beauftragt. Ziel war es, eine faktenbasierte Grundlage zur Bewertung von Kostenentwicklung, Marktpotenzial und Umsetzbarkeit von SMR in Europa zu schaffen.

Umweltminister Norbert Totschnig: „Die Studie zeigt klar: Small Modular Reactors sind weder eine rasch verfügbare noch eine wirtschaftlich sinnvolle Lösung für die aktuellen klima- und energiepolitischen Herausforderungen Europas. Es ist nicht nachvollziehbar, dass die EU-Kommission auf eine Technologie setzt, die erst entwickelt werden muss, während sichere, kostengünstigere und sofort verfügbare erneuerbare Alternativen bereits heute zur Verfügung stehen. Österreich lehnt daher die Finanzierung von SMR mit EU-Geldern entschieden ab. Stattdessen setzen wir auf den Ausbau erneuerbarer Energien. Hier sind wir seit vielen Jahren Vorreiter und wir werden diesen rot-weiß-roten Erfolgsweg konsequent weitergehen.“

Die Studie bestätigt die österreichische Position in wesentlichen Punkten:

  • Der breite kommerzielle Einsatz von SMR in Europa ist frühestens in den 2040er-Jahren realistisch. Derzeit befinden sich keine SMR in Europa in Betrieb oder im Bau, viele Konzepte sind noch in frühen Entwicklungsphasen.
  • SMR können daher keinen relevanten Beitrag zur kurzfristigen Dekarbonisierung und Erreichung der Klimaziele leisten.
  • Erfahrungen aus bestehenden Projekten außerhalb Europas zeigen deutliche Kostensteigerungen und Verzögerungen. Im Vergleich zu erneuerbaren Energien sind SMR deutlich teurer und wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig.
  • Eine europäische Fertigungsindustrie für SMR existiert derzeit nicht und müsste erst aufgebaut werden. Gleichzeitig bestehen erhebliche Abhängigkeiten bei Lieferketten, Schlüsselkomponenten und nuklearen Brennstoffen.
  • Die Regelungen und technischen Standards unterscheiden sich in den Mitgliedstaaten stark. Das erfordert Anpassungen, die eine Serienfertigung erschweren.

Insgesamt kommt die Studie zum Schluss, dass ein breiter und wirtschaftlicher Einsatz von SMRs in Europa aufgrund der derzeitigen Rahmenbedingungen auf absehbare Zeit höchst fragwürdig ist.

Österreich fordert zudem, dass für SMR mindestens dieselben Sicherheitsanforderungen gelten müssen wie für große Kernkraftwerke.

Small Modular Reactors - Allgemeines

Weltweit gibt es unzählige unterschiedliche Konzepte und Entwicklungen von SMR. Die meisten davon befinden sich in einem frühen Entwicklungsstadium und ihre Marktaussichten sind zum derzeitigen Zeitpunkt nicht absehbar. Es gibt noch zahlreiche ungeklärte Themen und Aspekte. Dies hatte auch bereits eine 2022 in Auftrag gegebene Analyse von verschiedenen SMR-Konzepten gezeigt.

Viele Länder – darunter auch Nachbarstaaten Österreichs – wollen mit der Kernenergie der Klima- und Energiekrise begegnen und glauben, dass kleine seriell produzierte SMR den Durchbruch bringen. Industrie und Finanzmarkt erzeugen einen Hype, weshalb derzeit für unterschiedliche – oftmals noch in der Entwicklungsphase stehende – Konzepte und Geschäftsideen um Finanzierungen geworben wird. SMR sollen – sehr ambitionierten Planungen zufolge – bereits in den 2030er Jahre in Betrieb gehen. Verschiedene Gründe lassen die tatsächliche Umsetzbarkeit im angegebenen Zeitrahmen bezweifeln sowie Sicherheit und Nutzen von SMR im Allgemeinen kritisch erscheinen.

10 Gründe, wieso SMR kritisch zu sehen sind:

Aufgrund der relativen Neuartigkeit von SMR bestehen bisher praktisch keine Erfahrungen. Dies birgt potenzielle Sicherheitsrisiken. Die von Entwicklern verlautbarten Pläne sehen etwa vor, dass SMR auch von Firmen aus gänzlich anderen Wirtschaftszweigen errichtet und betrieben werden können, was Fragen betreffend die erforderliche Expertise im Bereich von Kernenergie und Strahlenschutz aufwirft.

Die Industrie fordert Erleichterungen bei der Genehmigung durch eine standardisierte und vereinfachte Typengenehmigung. Die Aufsichtsbehörden verweisen jedoch auf notwendige Prüfungen. Der Druck von Industrie und Politik auf schnellere Bewilligungsverfahren steigt. Auch ist nicht geklärt, wie die Überprüfung und der Nachweis der Fertigungsstandorte durchgeführt werden könnte.

Es braucht jedenfalls dieselben Sicherheitsanforderungen für SMR wie für große Kernkraftwerke.

Derzeit verfügbare Pläne für SMR zeigen bei den anwendungsnahen Konzepten grundlegende Nachteile gegenüber Großanlagen im Schutz gegen arglistige, böswillige Handlungen von innerhalb und außerhalb der Anlage sowie in der vorgelagerten Fertigungsindustrie.

SMRs sollen serienmäßig gefertigt werden und sind daher nicht auf spezifische Standorte ausgelegt. Aus diesem Grund gibt es erhebliche Bedenken betreffend eine vollständig standortunabhängige Typenbewilligung ohne wesentliche weitere Prüfung durch Genehmigungsbehörden und für konkrete Standorte. Eine entsprechende Eignung für einen konkreten Standort wäre jedenfalls zu erbringen.

Aktuelle Konzepte von SMR deuten auf grundlegende Nachteile gegenüber Großanlagen bezüglich die Weiterverbreitung von kernwaffenfähigem Material und Technologien hin, etwa aufgrund einer höheren Anreicherung von Spaltstoffen.

Es ist davon auszugehen, dass die Menge an radioaktiven Abfällen und abgebrannten Brennelementen – bezogen auf die abgegebene Leistung – nicht reduziert wird, sondern sogar ansteigt.

Es bleibt abzuwarten, in wie weit Kosteneinsparungen durch die modulare, standardisierte und serienmäßige Fertigung von SMR an zentralen Industriestandorten erreichbar sind. Es ist unwahrscheinlich, dass der strukturelle Kostennachteil von Reaktoren mit geringer Leistung durch Lerneffekte und hohe Stückzahlen ausgeglichen werden kann.

Globale und komplexe Versorgungs- und Lieferketten für den Serienbau und Betrieb von SMRs erzeugen ein hohes Potential an Abhängigkeiten und brauchen außerdem ein stabiles politisches, rechtliches und finanzielles Umfeld. Erhebliche Investitionen wären auch vor dem Beginn des Serienbaus von SMR zu tätigen.

Die Errichtung einer SMR-Fertigungsindustrie führt aufgrund der Festlegung auf einen oder wenige SMR-Typen außerdem zu Lock-In-Effekten.

Zusätzlich besteht ein hoher Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften an den Standorten, an denen die Module vorgefertigt werden sollen. Die Lieferketten von Einzelteilen, Dienstleistungen, et cetera müssten erst aufgebaut werden. Gerechnet auf die installierte Erzeugungsleistung benötigen SMR einen höheren Einsatz von qualifiziertem Personal und sicherheitsrelevanten Systemen.

Erneuerbare Energieträger und die Kernenergie sind aufgrund ihrer unterschiedlichen Energieerzeugungsprofile nur bedingt kombinierbar. Wenn gerade viel Strom durch erneuerbare Energiequellen erzeugt wird, müsste man die Leistungsabgabe einer SMR-Flotte drosseln, um das Stromnetz nicht zu überlasten. Da SMR nur mit einer hohen Auslastung die großen Investitionskosten amortisieren können, ist ein Zusammenspiel der beiden Technologien aus ökonomischer Sicht nicht vertretbar.

Technische Analyse

Um einen Überblick zu erhalten, hat das Bundesministerium 2022 eine technische Analyse von verschiedenen SMR-Konzepten in Auftrag gegeben.

Untersucht wurden die sechs am weitesten fortgeschrittenen und relevantesten SMR-Konzepte. Dabei wurden die verschiedenen Konzepte aus technischer Sicht vergleichend gegenübergestellt und ihre sicherheits- sowie verfahrenstechnischen Eigenschaften analysiert. Auch wurden Fragen zur Genehmigung und Ökonomie behandelt.

Die Analyse zeigt auf, dass von den derzeit massiv beworbenen Konzepten nur wenige realistisch sind und dass selbst die am weitesten entwickelten/fortgeschrittenen mit vielfältigen Problemfeldern konfrontiert sind. Es gibt zahlreiche ungeklärte sicherheitstechnische sowie regulatorische Punkte (unter anderem neuartige Konstruktionslösungen, reduzierte Sicherheitssysteme, Materialien und Herstellungsmethoden) und Aspekte bei der Standortbewertung betreffend Auswirkung externer Gefahren sowie hinsichtlich neuer Betreiber aus anderen Wirtschaftsbereichen. Weitere offene Themen betreffen die Fertigung von SMRs und ihren tatsächlichen Einsatz.

Die SMR-Analyse bestätigt damit: Auch wenn man angesichts der geradezu euphorischen Ankündigungen der Industrie anderes erwarten würde, ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine breite Einführung von SMRs in den nächsten 10 Jahren stattfinden wird.

Argumente gegen die Kernenergie gelten für SMRs gleichermaßen wie für große Anlagen. Die Entwicklung von SMRs ist auch deshalb abzulehnen, weil sie im Kampf gegen den Klimawandel deutlich zu spät käme. Es braucht jedenfalls dieselben Sicherheitsanforderungen für SMRs wie für große Kernkraftwerke.